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ANA, CRIDO und die ICANN – Teil 1

Worum gehts?

Für viele Internetznutzer entzieht sich die eigentliche Verwaltung des Internets dem Blickfeld, insbesondere die Arbeiten der IETF und der ICANN. Dabei arbeiten gerade diese Organisationen sehr transparent.

Bei näherer Betrachtung wird man erkennen, welch gewaltige Kräfte, ganz  besonders die der Wirtschaft, auf die Selbstverwaltung des
Internets einwirken. Besonders brisant ist derzeit das Thema der neuen Top-Level-Domains. Und hier versuchen einige Lobbyistenverbände mit aller Kraft die Verwaltung des Internets in die Hände von Grosskonzernen und Politk zu manövrieren. Einer dieser Lobbyvereine ist die ANA und was ihr an Sachkenntnis offenbar fehlt, macht sie durch aggressivste Rhetorik wieder
wett. Hier stehen die wirtschaftlichen Interessen etablierter Player den Interessen der Internetgemeinde und neuer Marktteilnehmer entgegen. An die Arbeit!

Neue Top-Level-Domains

Ab dem 12. Januar 2012 öffnet die ICANN das Bewerbungsfenster für Bewerber, die sich um den Betrieb einer eigenen Top-Level-Domain. Dieser Prozess ist das Ergebnis eines langwierigen Prozesses gewesen, an dem eine Vielzahl von Menschen aus der Internetgemeinde beteiligt gewesen sind.

Informationen zum neuen TLD Programm gibt es auf der von ICANN eingerichtetet Seite. Die Anforderungen für die Bewerbung einer eigenen TLD ist im Applicant Guidebook definiert.

Nun ist es völlig normal das nicht immer alle mit Allem einverstanden sind. Vor allem aber gilt das Für das Internet. Es gibt viele Leute, die neue Domainnamen grundsätzlich für Unsinn halten. Manch einer mag Veränderungen gar nicht und die Öffnung des Namensraums ist eine fundamentale Veränderung des Internets, so wie wir es kennen – aber eigentlich auch nicht so sehr, wie es zB die Masse der Kritiker, die ihre sachliche Unkenntnis durch ihre Argumentation untermauern.

Eine Gruppe von Markteilnehmern sehen die neuen Domains als besonders kritisch an: Markeninhaber. Für den Inhaber einer Marke stellt sich die Situation so dar, das der aktive Markenschutz auf alle neuen Top-Level-Domains angwendet werden muss: Registrierung von Domainnamen, die der eigenen Marke entsprechen, unterhalb der neuen TLDs.

Innerhalb der ANA sind nach eigenen Angaben über 400 Unternehmen mit über 10000 Marken organisiert, die ihrerseits eine Menge Geld für Marketing und Werbung aufwenden.

Ungeachtet der Tatsache, dass sich viele Markeninhaber selbst um eine eigene TLD bewerben werden, schürt ANA diese Angst vor nahezu unendlichen Verlusten und prophezeit schlimmste Sinneswandel der Kunden im Internet. Zu diesem Zweck wurde die CRIDO (Coalition for Responsible Internet Domain Oversight) ausgerufen. Auf der Webseite der CRIDO sind Pressemeldungen und Schriftwechsel mit ICANN veröffentlicht.

Der Backgrounder der CRIDO

Als Lektüre vorweg erwartet einen der Backgrounder dieser Show.
An dieser Stelle darf schonmal angemerkt werden – das macht dieser Backgrounder deutlich – das der gTLD Prozess  von der ANA unzureichend verfolgt- oder aber nicht verstanden worden ist.
Sehen wir uns diesen backgrounder näher an: Schon im ersten Absatz „Who is ICANN“ findet sich die erste Falschaussage. Dort heisst es:

ICANN is scheduled to launch a new program in January of 2012 that will permit applicants to claim virtually any word, generic or branded, as an Internet top-level domain.

Es ist eine Falschaussage, das man jeden beliebigen String, so die Terminologie im Applicant Guidebook, als TLD anmelden kann. Es ist klar definiert, welche Domainnamen ausgeschlossen sind. Darunter fallen Namen, die in technischen Bereichen des Internets eine Rolle spielen, wie example, whois, arpa, etc..  Ebenfalls ist es nicht möglich Markennamen (die nicht die eigenen sind) und Namen von Staaten und Orten „einfach so“ anzumelden.

Im zweiten Absatz erklärt ANA kurz was eine TLD ist – sogar korrekt – immerhin. Im dritten Absatz „Why/How is ANA Objecting?“ geht es dafuer gleich richtig zur Sache:

ANA has detailed major flaws in the proposed ICANN program. Specifically, ANA cites ICANN“s lack of a bottom-up input process involving the global Internet community, insufficient research and guidance from expert authorities, inadequate oversight by the U.S. Department of Commerce and potentially disastrous consequences if the program is implemented, as planned.

ANA spricht von majow flaws und adressiert zunaechst das Problem des sog. Bottom-Up Prinzips. Hier ist es elementar wichtig zu verstehen was das ist: ICANN vertritt mehr oder weniger die gesamte technische Verwaltung der Internet Namensräume. ICANN ist eine privatrechtliche Organisation nach kalifornischem Recht. Im Oktober 1998 hat sich das US Wirtschaftsministerium für einen Entwurf der IANA, zur Gestaltung der Organisation (ICANN), ausgesprochen.  Sie ist in ihrer Organisation beispiellos, da sie formal keiner Kontrolle einer Regierung oder sonstigen Organisationen unterliegt. Entscheidungsfindungen finden nach dem Bottom-Up Prinzip statt. Das heisst, das Ideen, Reformen und Entscheidungen von unten, also aus den Reihen der Internetgemeinde und deren Vertreter, nach oben, in Richtung der Entscheidungsträger bei ICANN fliessen (tatsächlich ist es etwas komplexer aber fürs Verständnis sollte es reichen). Regierungen und Unternehmen funktionieren zumeist nach dem Top-Down Prinzip. Das bedeutet das Entscheidungen oben in einer Entscheiderebene  getroffen werden und den Bürgern oder Angestellten auferlegt werden. Dabei ist es nicht selten so, das die Belange der Entscheidungsebene schwerer wiegen als die Belange von Angestellten oder Bürgern. Tatsache ist, das dieses Bottom-Up Prinzip von der Beteiligung Aller lebt. Ziel bei Entscheidungen der ICANN (und zB auch der IETF) ist ein ausreichender Konsens, der berühmte rough consensus: Man kann es nicht allen Recht machen, aber man kann Lösungen erarbeiten mit der Alle leben können.

Für ANA ist es unvorstellbar das sich die Internetgemeinde selbst verwaltet und diese Aufgabe nicht von grossen Markeninhabern oder wenigstens Regierungen übernommen wird.

ANA berichtet weiterhin, sie hätten ganze ZWEI mal ihren Einwand eingebracht und unterstellen ICANN mangelnde Bereitschaft für einen rough consensus. Auch hier ist erkennbar, welche Schwierigkeit ANA mit dem Bootom-Up Prinzip hat, denn in einem solchen Prozess geht es darum miteinander zu reden, sich einzubringen und Ergebnisse zu erarbeiten, die für alle Beteiligten tragbar sind.

Im Backgrounder gehts mit einer Punkteliste – den major Issues – weiter (Key Reasons the ICANN Program Must Be Stopped).

Erster Punkt: Flawed Justification
ANA unterstellt ICANN an dieser Stelle die Unsinnigkeit der Einführung neuer TLDs und behauptet es gäbe keinerlei Gründe für die Einführung neuer Domainendungen. ANA vergisst auch hier wieder, das ICANN letzten Endes nur den Bedürfnissen derjenigen nachkommt, die sich für neue TLDs einsetzen – und das sind mittlerweile nicht wenig. Dazu wird das totale Chaos in der DNS Landschaft prophezeit:

(….) The ICANN-assumed gains via increased commerce, competition and innovation are completely unsubstantiated. In contrast, their program will throw the domain name universe into widespread confusion while generating untold costs to domestic and international businesses and harm to consumers.

Beim folgenden Absatz bringt ANA ihren Antrieb auf den Punkt: Excessive Costs and Harm to Brands. ANA schreibt:

Costs will further escalate at the second level of naming ­ the word to the left of the „dot“­ as brand owners will have to consider registering each of their brand-related terms, for either commercial or defensive purposes, just as they do today, in many, if not all, of the new top-level domains.

Zweifelsohne werden Markeninhaber in einigen neuen Namensräunmen Domains registrieren, die ihren Marken entsprechen. ANA suggeriert hier allerdings, das die Markeninhaber womöglich in allen TLDs ihre Marken registrieren müssen. Tatsache ist allerdings das es sich bei vielen neuen TLDs entweder um Community based TLDs handelt, oder sonstwie bestimmte Vorraussetzungen an den Registranten stellen. Demnach ist die Zahl der TLDs, in denen sich bestimmte Markeninhaber ihre Marken als Domainnamen sichern können ohnehin schon begrenzt. Darüber hinaus ist es fraglich ob zB Domainnamen wie www.ana.xxx, www.ana.gay, www.ana.shop usw. für die Markeninhaber attraktiv sind. Weiterhin verkennt ANA auch, das manche neue Namensräume durchaus ihren werblichen Reiz für Markeninhaber haben.

Weiter gehts mit den Consumer Risks, in welchen ANA einen vermeintlichen Schaden für Kunden darstellt:

For consumers, adoption of the new program poses significant risks. The Internet will turn into a veritable minefield for criminal activity when the proliferation of top-level domains makes it easier for online felons to cybersquat by cloaking themselves in the names of trusted brands. Indeed, the ICANN program will exacerbate the already challenging problem of protecting consumers from online confusion and unlawful invasion of their personal privacy, diminish cybersecurity and increase the likelihood of predatory cyber harm. While such risks are more manageable today because there are
now fewer than two dozen generic top-level domains, those risks stand to increase exponentially as hundreds upon hundreds of new top-level domains are approved and introduced by ICANN.

Was ANA zu erwähnen versäumt, ist die Tatsache das für neue TLDs sehr strenge Vorgaben existieren, was Markenschutz und Whois Accuracy betrifft. Konkret wird Bewerbern um neue TLDs eine hohe Sorgfaltspflicht auferlegt. Ebenso muss ein Bewerber Richtlinien für eine aussergerichtliche Streitbeilegung beim Missbrauch von Domainnamen vorweisen (zudem ist die Anerkennung der UDRP verpflichtend). Es ist davon auszugehen das in den neuen TLDs weitaus weniger Möglichkeiten bestehen, Second-Level Domains für illegale Aktivitäten zu nutzen, als das in den bisherigen TLDs möglich ist.

Besonders weit hergeholt gehts bei ANA weiter:

If ICANN“s new program proceeds, the damage to consumer trust in Internet transactions is incalculable. For example, as security vulnerabilities and phishing spread across hundreds of new top-level domains, consumer confidence in online financial transactions will greatly diminish. A similar crisis of confidence will impact other sectors of the economy, such as the pharmaceutical and consumer products industries ­ all of which increasingly and efficiently interact with consumers electronically. The potential costs of this program, which will ultimately be passed on to consumers, are staggering
and completely unnecessary.

Was ANA seinen Lesern auch hier vorenthält: Viele neue TLDs implementieren einen hohen Sicherheitsstandard innerhalb der jeweiligen Zone: Eingeschränkte Nutzergemeinschaft, Validierung von Registranten, Vorgaben zu Themen auf Webseiten usw. Es wird in allen neuen TLDs sehr viel konsequenter über mögliche Missbrauchsszenarien nachgedacht und entsprechendes Regelwerk implementiert, was bei vielen TLDs eher zu einem höheren Vertrauen in die jeweilige Zone führt.

Der letzte Absatz beklagt ICANNs angeblich mangelnde Bereitschaft an einem Konsens interessiert zu sein (Lack of Consensus):

The objections of industry sectors most affected have not been adequately addressed. In seeking to implement a change in top-level domains, ICANN has failed to reach
stakeholder consensus, a requirement of its contract with the NTIA. Decision-making regarding this program appears to have been unduly influenced by parties standing to directly benefit financially from an increase in domains, namely the commercial companies that charge fees to register new addresses and manage top-level domains. An entire constituency ­ the one required to fund the names and maintain the Internet“s economic model ­ has been largely ignored.

 

Tatsache ist: Der Prozess zur Einführung neuer TLDs ist sehr transparent und äusserst gut dokumentiert. Tausende von Kommentaren, Redline Versionen des Applicant Guidebook und die vielen Sitzungen auf den ICANN Meetings belegen die ungeheuren Anstrengungen alle Interessen aus verschiedensten Bereichen zu einem ausreichenden Konsens zusammenzuführen. ANAs aktive Beteiligung an diesem Prozess ist über Jahre mangelhaft geblieben.

Man kann ANAs Leitsatz so verstehen: Die Interessen aller Internetnutzer und alle, die im Internet neue Geschäftsbereiche erschliessen wollen, sind nicht akzeptabel, sofern sie die Interessen weniger hundert Unternehmen beeinträchtigen.

Der Markt ist in Bewegung, wie schon immer. Und wie schon immer versuchen etablierte Marktteilnehmer alles um andere im Markt zu behindern oder Markteintrittsbarrieren zu errichten.

 

 

 

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