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Freiheit? Welche eigentlich?

Der WCIT2012 ist vorbei und die Ernüchterung ist groß, denn es wurden keine Änderungen mit in die ITRs übernommen. Trotzdem heißt es auf der Hut sein, denn die Maschinerie antidemokratischer und freiheitseinschränkender Kräfte läuft permanent auf Hochtouren.

Worum ging es denn in letzter Instanz überhaupt? ETNO sagt es ginge um Gerechtigkeit, einige Staaten proklamieren ihren Herrschaftsanspruch über zumindest Teile des Internets. Google hingegen kämpft für die Freiheit überhaupt, so wird es jedenfalls dem Konsumvieh verkauft.

Freiheit.

Jedermann hat eine Vorstellung davon, was Freiheit ist. Und wenn man fragt bekommt man die erstaunlichsten Antworten: Reisefreiheit, politische Freiheit, Redefreiheit etc.

Freiheit im Internet.

Auch hierzu hat fast jeder eine Meinung. Freie Downloads, freie Kommunikation, Piraten werben für eine Entkriminalisierung derjenigen, die Inhalte aus dem Netz ziehen, wo ansonsten Kosten anfallen.

Wie flach all das ist und auf welch einem niedrigen Niveau die Freiheit im Internet diskutiert wird,  erschließt sich einem eigentlich nur, wenn man sich die Geburt – die Idee – des Internets einmal ansieht und man wird merken auf welch ein plumpes Niveau die Diskussion gebracht worden ist.

Ich rede hier von der Freiheit, kreativ zu sein.

. Zu diesem Zweck brauchen wir einen eher philosophischen Blickwinkel, der uns deutlichen machen kann, wie die Väter des Internets Freiheit sozusagen implementiert haben.

Es gibt Ansichten, woran Freiheit sich immer auch ein bisschen an der Marktwirtschaft misst – an der freien Marktwirtschaft. Seit dem chinesischen Wirtschaftsboom müssten solche Stellen in der Lektüre der Wirtschaftswissenschaften eigentlich umgeschrieben werden, denn in China lebt es sich ja nach unserer Meinung ziemlich unfrei. Trotzdem wächst der Wohlstand, wenn auch nicht für alle und man könnte sich ernsthaft fragen wie viel Freiheit denn überhaupt nötig ist, wenn das ehrbare Ziel doch das Streben nach materieller Besserstellung ist. Die Freiheit alles zu kaufen, zu konsumieren, ist natürlich vorhanden. Und streng genommen zielt auch das deutsche Bildungssystem auf genau diese Art der Freiheit ab, indem die Kinder zu Fachidioten und Ja-Sagern dressiert werden. Dass diese Art von Freiheit eher einer industrialisierten Form von Viehhaltung entspricht – und zwar Konsumvieh – wird uns nicht im Traum einfallen. Doch entspricht es einem Teil der Wahrheit und ganz besonders deutlich wird das im Bereich IT.

Schauen wir zurück: Im Jahre 1880 musste sich jemand darum kümmern, in den USA eine Volkszählung auszuwerten. Dieser jemand (ein Mann) dachte sich, dass es möglich sein musste, einen solchen Prozess irgendwie zu automatisieren. Er entwickelte ein besonderes, elektronisch gestütztes Kartensystem (nein, nicht wie Google Maps, sondern eher wie Lochkarten), mit dessen Hilfe eine Zählung  2 1/2, statt sieben Jahre brauchte. Die US Regierung fand das spitze und der Mann wurde beauftrag auch für andere die Zählungen durchzuführen.

Der Mann traf eine folgenreiche Businessentscheidung. Er hätte die Möglichkeit gehabt, die Maschinen zu verkaufen. Er entschied sich aber, auf die Kundenwünsche zugeschnittene Lösungen zu verkaufen – eine Komplettlösung, wobei der Kunde die technische Umgebung aber nicht kaufte. Eine Art Miete. Die Maschinen wurden weiterentwickelt und programmierbar und es war sozusagen genau das, was junge Businessmännchen und mit Software as a Service als den letzten Schrei verkaufen. Technik wurde fortentwickelt und immer mehr Firmen nutzten die Angebote dieses Mannes, Kaufhäuser, Bahnunternehmen, etc. Es wurde überall gerne genutzt, wo viel gerechnet werden musste. Der Mann änderte sein Konzept nicht und hatte de-facto die Kontrolle über die programmierbaren Prozesse der Maschinen, die auf die Kundenwünsche hin ausgerichtet konfiguriert und programmiert wurden. Und die Kunden wollten es gar nicht. Keiner wollte lernen solche Geräte zu programmieren oder instand zu halten. Sie wollten einen einzigen kompetenten Ansprechpartner, der alles regelt. In den 60ern wurde noch immer nach dem Konzept gearbeitet und man hatte derzeit riesige Mainframes aufgebaut, in denen alle Prozesse stattfanden. Kunden schickten ihre Aufträge oder waren teilweise über sogenannte „dummer Terminals“ mit dem Gerät verbunden und die Firma des Mannes wurde der größte und quasi einzige Anbieter für derartige Aufgaben in der Geschäftswelt.

Der Mann hieß Herman Hollerith und seine Firma hieß ab den 60ern International Business Machines, kurz: IBM.

Andere Anbieter wollten auch auf den Markt, aber bis zu einem Antitrust suit der US Behörden, war es für andere Unternehmen nicht möglich, eine IBM Maschine ohne den dazugehörigen Service oder Software zu kaufen. Dann schon und IBM wurde auferlegt, seine Produkte zu modularisieren. Jetzt konnten andere eine IBM Maschine kaufen oder der Besitzer einer IBM Maschine konnte Dritte beauftragen, sie zu programmieren. Wo der Markt bisher geschlossen war – wurde er nun frei und es setzte ein ungeheurer Boom ein.

Die Essenz dahinter ist aber folgende: Die großen Maschinen hatten aber, anders als damalige Business Produkte, wie Geräte für die Dokumentenerstellung, eine Art elektrische Schreibmaschine, bereits damals CPUs, die grundsätzlich alles machen konnten. Die Einschränkung ihrer Arbeiten war also zuerst eine Business Entscheidung und an zweiter Stelle am Markt ausgerichtet. Bei beiden jedoch, war es reglementiert durch einen dominanten Player. Im Laufe dieser Entwicklung hatte sich der Markt für „general Purpose PCs“ entwickelt und die eine Komponente des Internets war vorhanden.

Machen wir einen Sprung zur zweiten Komponente, dem Netz.

Das US Telefonnetz gehörte damals AT&T. AT&T hatte die rechtliche Hoheit über das Netz – und über die angeschlossenen Geräte, wie es auch bei uns im Zeitalter der Post war. AT&T hatte, wie IBM auch, im Prinzip offene Grundlagen für andere Technologien ihr Business Modell aufgezwungen. Man konnte telefonieren, musste aber zu AT&T gehen, von denen man den Anschluss und das Endgerät bekam (man konnte keine Telefone kaufen, die wurden ebenfalls gemietet).

Auch hier spielten sich ähnliche Szenarien ab, denn auch hier kamen Dritte, die die Technik für ihr Geschäft nutzen wollten und die sich durch die strengen Regeln behindert sahen. Die USA, sind keine Freunde von Monopolen (außer es heißt Google) und schon bald wurde das Telefonnetz anderen Anbietern von Technologie zugänglich und die einstmals „eingesperrte“ Technologie wurde zu einem allgemeinerem, neutralerem Medium, welches dazu genutzt werden konnte, andere Signale zu transportieren, in elektronischen Signalen enthaltene Protokolle, wie z.B. TCP/IP (das Thema CompuServ, Prodigy und AOL lassen wir hier mal aus, auch wenn es ein wichtiger Punkt war).

Irgendwo fanden zwei offene Technologien zueinander. Zuerst fanden sich auf den Schreibtischen PCs ein. Damalige PC wurden eingeschaltet und alles was man zu sehen bekam, war ein blinkender Cursor, am linken oberen Rand. Wer wie ich der C64er Generation entstammt, kann sich vielleicht noch an das fast schon sakrale Gefühl erinnern, wenn man, wie ich an heilig Abend, das erste mal den eigenen Computer anstellt und man vor sich eine Maschine hatte die sagte: Ich bin da, sag mir was ich tun soll, du kannst alles mit mir machen. Und so war es auch – mit dem Einzug der PCs in die Haushalte traf sich eine neugierige Generation mit einer Technologie, die im Grunde alle mit sich machen ließ – und wir taten es. Auch in der Geschäftswelt wurden in Windeseile riesige Märkte kreiert.

Dann gab es eine Möglichkeit, die eigenen PCs am Netz anzuschließen. Daraus entwickelt hat sich, bis jetzt, das Internet.

Nach diesem kleinen Schnelldurchlauf will ich auf etwas aufmerksam machen.

In den Anfängen des Netzes und der IT wurde teilweise durch Gesetze  die Technologie geöffnet und für alle nutzbar gemacht. Und ganz besonders die Erbauer des Internets, haben das freie und diskriminierungsfreie Konzept der Paketstrecken implementiert.  Mit Hilfe der Endgeräte, die alles mit sich machen ließen, wurde den Menschen, die es nutzten eine unglaubliche, bisher nie dagewesene Möglichkeit gegeben sich kreativ mit Technologie auseinanderzusetzen oder Geschäfte zu machen.

Freiheit. Freiheit zur Kreativität wurde in einer Technologie implementiert.

Alle Protokolle waren offen (RFCs), oberhalb der Hardware (wo Protokolle durchaus Sinn machen, denn hier braucht es Standards)  wurde nichts reglementiert. Auf die grundlegenden Protokolle kamen weitere, Gopher, SMTP, WHOIS, FINGER, dann HTTP. Und man konnte der in der Technik implementierten Freiheit eine Gestalt geben – Software schreiben – kommunizieren, Information bereitstellen und beziehen.

Diese Freiheit ist im Begriff zu sterben, denn die Entwicklung läuft rückwärts. Wir haben wieder Monopole und wir tendieren wieder zurück zu Geräten, die uns einschränken. Wir haben wieder Endgeräte über die wir die Kontrolle verlieren, egal ob es Spielekonsolen, Smartsphones, PCs oder Tablets sind. Wir können nicht mehr jede beliebe Software für unsere Geräte programmieren, nicht mal installieren– wir müssen Mitglied in einem Club werden, z.B. Als Entwickler oder Kunde für diverse App-Stores und man wird den Regeln der Clubs unterworfen. Wir werden mit der Wahl eines Produkts in ein Habitat gesperrt, wo die Regeln des Unternehmens gelten und Technologie inkompatibel wird (Apple-, Google-, Amazonuniversum).  Die Vielseitigkeit ist an dieser Stelle eine Illusion und die Unternehmen verkaufen uns eine immer stärkere Entmündigung als grenzenlose Freiheit und Kreativität wo wir weder auf die Entwicklung noch auf die Sicherheit einen Einfluss haben und sich neue Monopole etablieren.

Verfechter dieser Entwicklung argumentieren, dass es ja alles gibt, was man braucht und das die Maschinen lediglich Werkzeug sind und wir dadurch auf eine neue – viel höhere Ebene von Freiheit und Kreativität gehoben werden. Wenn der PC stirbt und mit ihm der generische Ansatz der Technologie, nämlich wir der Maschine sagen können was wir wollen – und so sehen es die großen Player – dann finden wir uns (wieder) in einer Welt wieder, in der uns Technologie aufdiktiert, was wir tun können –und vor allem – dürfen!

 

Ich bedanke mich an dieser Stelle bei Jonathan Zittrain und ich möchte an dieser Stelle dringend sein Buch „The Future oft the Internet – and how to stop it“ empfehlen.

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