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Wir brauchen weniger Fachkräfte.

Wie jedes Jahr ist das Weihnachtsfest eine zwiespältige Angelegenheit. Einerseits hofft man auf genügend Zeit für Besinnlichkeit und auf der anderen Seite frisst und säuft man sich durch die Familiendates. Nach der Völlerei bleibt dann abends doch noch wirklich Zeit für den eigentlichen Zweck – Besinnung. Ein Nachsinnen der in der Familie breitgelatschten Themen taucht auf. Seit einiger Zeit gehören die Themen dem Nachwuchs. Bildung und Chancen und haarsträubende Ideen einer Perspektive. Als sei es Schicksal, war niemand geringeres als Erwin Chargaff mein Begleiter im Geiste. Und als wäre das nicht schon Zeichen genug, so plärrte auch irgendwo irgendein Politiker wieder etwas vom Fachkräftemangel. Das Land braucht demnach mehr Fachkräfte.

Ja?

Nein!

Macht man sich den Spaß und reitet auf der Begrifflichkeit rum, so sticht doch einem das Wort „Fach“ wirklich ins Auge.

Fach: Schachtel, Schublade, Kiste; Alles Räume. Aber vor allem sind es begrenzte Räume und die Kraft die da wirken soll, soll scheinbar in diesem – begrenzten – Raum wirken. Fachkräfte sind ihrem Wesen nach also auch durchaus Fachidioten – weil beschränkt.

Politiker dieser Tage sind, bis auf wenige Ausnahmen, nicht gerade mit Empathie gesegnet und so greifen sie diese Worte auf, mit einer ungefähren Ahnung was gemeint sein soll und reden der Wirtschaft nach dem Mund (Ich merke dass ich denke, wenn ich höre was ich sage). Oftmals taucht der Begriff Fachkraft im Bereich der Informatik auf. Glaubt man einigen Leuten, die in einem solchen begrenzten Raum sitzen, so wandelt sich die gesamte Gesellschaft in eine „Ökonomie des Wissens“. Um welches Wissen es da gehen soll, ist allerdings noch immer ziemlich unklar, jedenfalls wird es trotz einer (angeblich) permanenten Steigerung unseres „Wissens“ immer schwerer jemanden zu finden, der wirklich Ahnung hat. Beim Gespräch mit den jungen Leuten wird zumindest eines ziemlich deutlich: Es geht nicht um Wissen, jedenfalls nicht in der Schule und immer seltener auch in der Erziehung. Und wenn man es genau nimmt, wissen sie auch nicht besonders viel, wofür sie selber gar nichts können: Niemand lässt ihnen die Zeit Wissen zu erwerben, sondern man zieht sie im Galopp durch eine Suppe aus Indizien und Andeutungen. Es geht vielmehr darum sich möglichst früh und schnell eine Schublade – eine „Fachrichtung“ – auszusuchen in der man sich dann entfalten soll. Und vor allem soll man schnell ein produktives (Turbo)Mitglied der Wirtschaftskette sein: Eine Kraft  – eine Fachkraft. Eine aufgeladene Batterie, die sich beim Streben nach materieller Besserstellung (nach Ottfried Hoeffe ein Übel der jetzigen Gesellschaft) entlädt und möglichst bald möglichst viel konsumiert.

Dummerweise macht diese Verzerrung ganz besonders in den Hochschulen „Schule“.

Ich hatte im letzten Jahr das Vergnügen den Mathematiker und Philosophen Gunter Dueck auf einem Vortrag zu sehen. Es ging u.a. um Topkräfte. Jene Topkräfte, die ein 1a Studium hinlegen und dann im Unternehmen aufkreuzen. Für Dueck scheiden sich die wirklich qualifizierten von den Fachkräften durch die Frage „was soll ich tun“.  Worauf Dueck anspielte war wohl der Umstand, dass es eben keine Fachkräfte braucht, sondern Leute, die Dinge erledigen. Leute, die nicht in ihren Schachteln sitzen und eben nicht begrenzt sind.

William Blake meinte mal dass Verallgemeinerung etwas für Idioten sei. Wobei ich jedoch feststelle, dass es durchaus Bedarf an Generalisten gibt, die noch nicht dem betitelten Formalismus zum Opfer gefallen sind, oder wie Chargaff bemerkte: „Zum nachdenken braucht man nun ein Diplom“.

Ein Grund für diese Zeilen ist Angst. Viele junge Menschen hetzen wie getriebene durch die Schulen, Fachhochschulen oder Unis um am Ende irgendeine Fachkraft zu sein, die leichter ersetzbar ist, als eine Sicherung in einem Plasma-TV.  Aber man muss am Ball bleiben und nach Möglichkeit auch irgendwie einen dieser kreativen tollen Jobs (irgendwas am PC) machen und natürlich eine Menge Geld damit verdienen.

Ich wünsche mir für dieses Jahr jedenfalls keine Fachkräfte.

Ich wünsche mir für eine Menge junge Leute, dass sie die Ruhe und Zeit bekommen um ihre eigene Lebensperspektive zu entwickeln und weniger Angst haben – weniger das Gefühl irgendwas zu verpassen, denn es gibt nur eines was man verpassen kann – sein eigenes und selbstbestimmtes Leben zu leben.

Frohes Neues!

One comment

  1. Hallo,

    ein wahres Wort ! Und ich sehe es auch so, dass man sich im Studium entwickeln muss und auch sollte. Leider ist das seit der Umstellung von Diplom auf Bachelor/Master an fast allen Unis und Hochschulen nicht mehr möglich. Zum einen wegen dem bereits angesprochenen gesellschaftlichen Druck („faule Studenten“, „Regelstudienzeit“, „mind 2.0 oder du bist verloren“, etc…) aber auch wegen der Befristung, die es neuerdings an den Hochschulen gibt, bei denen man max. 10 Semester studieren darf und dann zwangsexmatrikuliert wird. Allein deshalb belegen viele Studenten aus Zwang alle Module und fühlen sich zurecht wie ein Papierkorb, der bereits nach 4 Wochen Uni am überquillen ist, bis zur Prüfung immer weiter gepresst und am Ende dann entladen wird. Leider ist dann auch nichts mehr übrig. Bildung sieht anders aus.

    Ich habe mir eine Uni gesucht, wo ich auch im Bachelor unendlich lange studieren kann. So hab ich mein Studium per se auf 9 Semester gelegt und dadurch mehr Freiräume um mich auch übers Script hinaus mit den Themen zu beschäftigen und sowieso auch am kulturellen Leben teilzunehmen. Allerdings muss ich dazu sagen , ich die Uni bereits gewechselt. Davor war auch auch auf so einer „Harcore-Uni“ und ich hatte einen Tunnelblick. Ich bin morgens aufgestanden, hab gelernt und bin schlafen gegangen. Jeden Tag mind 14 Stunden. Und die Zeit hat nichtmal gereicht um in 6 Modulen alles ausführlich zu lernen und nebenbei noch die Übungsaufgaben zu machen. Einfach krank.

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