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Internetregulierung – Neues von der Front

Internetregulierung – Neues von der Front

Vom 3. bis 14. Dezember 2012 trifft sich die Spitze der Telcos auf dem WCIT(World Conference on International Telecommunications) in Dubai. WCIT wird ausgerichtet von der ITU, der International Telecommunication Union. Da die ITU eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen ist, ist das also gewissermaßen als UN Veranstaltung zu werten. Die Telcos haben sich zum Ziel gesetzt, auf dem diesjährigen WCIT einmal die derzeitigen International Telecommunications Regulations (ITRs)  „durchzusehen“. Aufgrund der aktuellen Statuten der ITU, ist sie auf das Gebiet der Telekommunikation beschränkt. Änderungen des Tätigkeitsfeldes bedingen Änderungen der ITRs – das Internet weckt Begehrlichkeiten und die ITU will mitmischen.

Laut einer Pressemitteilung[1] der European Telecommunications Network Operators“ Association (ETNO), hat man bei der ITU folgendes verlauten lassen:

reiterated the importance of the WCIT to lay the framework
that will facilitate the further growth of an innovative, and
sustainable future for the telecom and information and communication technology sector (including the Internet)“.

Wie Bill Smith[2] richtig bemerkt hat, haben wir bereits Innovation und Vielfältigkeit (Ich könnte  natürlich auch hier das  Zitat:  „Professionalität ist der Killer der Innovation“ anbringen – mache ich aber nicht).

Im Grunde ist die Aussage ja auch gar nicht übel. Übel ist hingegen, dass man anscheinend dieselben Wörter in einem verschiedenen Kontext gebraucht. Man ist bei der ETNO der Meinung, man müsste das Netz jetzt mal auf ein anderes Level heben – man sollte, etwas polemisch formuliert, das Netz mal auf eine gezüchtete Ökonomie anpassen. Da ETNO die Nutzer (als Konsumenten) in Gefahr sieht, haben sie auch gleich eine tolle (innovative) Idee:

There are opportunities to agree on a new sustainable economic model favouring innovation, openness and consumer choice. In this context, ETNO has submitted an innovative proposal for the revision of the ITRs ensuring the futureproofness of the current model.

ITRs sind sozusagen zwischenstaatliche Abkommen, die zweifelsfrei nötig sind um ein globales Netzwerk anständig laufen zu lassen. „Anständig laufen“ bezieht sich allerdings nicht unwesentlich auf Rentabilität und die kontrollierbarkeit. Kontrollierbarkeit ist jedoch etwas, was ein Netzwerktechniker und ein Politiker gänzlich anders deuten. Wie auch immer: Es sind keine Gesetze. Ob verhandelte Inhalte dann mal zu Änderungen in nationaler Gesetzgebung führen, steht ja auch einem ganz anderen Blatt.

Im Rahmen des WCIT hat man auch gleich mal indirekt bei der USA angeklopft, ob sie nicht mal langsam etwas von der „Internetkontrolle“ abgeben möchte (Ja, das ist etwas polemisch formuliert aber übertreiben muss man, sonst interessierts ja keinen). Tatsächlich steht der grösste Teil der DNS root (der verwaltenden Einheiten, nicht die eigentlichen DNS Server, denn die sind erfolgreich auf der ganzen Welt verteilt) noch immer auf amerikanischem Boden, womit die meisten Menschen dieser Welt bisher ganz gut zurecht kamen. Zumindest hat die USA ein einem Memo[4] verlauten lassen es gäbe wohl keine direkten Anfragen für ein solches Take-Over Szenario.

ITU Secretary-General, Dr Hamadoun meint dazu höchstpersönlich[3]:

You will, I am sure, have seen and read various media articles talking about the UN or the ITU trying to take over the Internet.
Let me say quite plainly and clearly: This is simply ridiculous.
So let’s turn down the volume, and have a rational discussion.

Sicher, Herr Dr. Hamadoun hat nicht, stellvertretend für die ITU, diese
Idee so in der Art geäussert. Tatsache ist aber, dass das WCIT von der Öffentlichkeit schlecht bewertbar ist, weil nicht einsehbar, und man keine konkreten Einblicke in die Anliegen der einzelnen ITU Mitglieder hat (Mitglieder sind übrigens, neben über 190 Staaten, auch an die 700 Unternehmen und Einrichtungen. Apple und Cisco gehören auch dazu.) Wir können ebenfalls sehen, dass einige Staaten ihren Unmut über die jetzige
Situation kundtun. Oftmals sind das auch diejenigen Staaten, die für einen eher restriktiven Umgang mit Internet bekannt sind. Lustig ist in diesem Zuge auch ein kürzlich erschienenes Interview mit dem indischen Kommunikatiosminister. Der meinte so treffend:

Frage: Who governs the internet at present?

Globally, internet traffic passes through 13 root servers. Nine of them are in the US, two each in Japan and Western Europe. These servers move the information. I believe India and other countries ought to play a much more relevant role in managing traffic flows. The internet is a global resource whose governance can“t be limited to a particular geography.

Nochmal: Internetverkeht geht durch alle 13 Root Server, von denen 9 in den
USA stehen (und der DOT). Kapiert? Der indische Kommunbikationsminister
hat es jedefalls nicht kapiert. Trotzdem lungern genau solche Leute beim WCIT und der ITU rum und die wollen „gemeinsam“ (also unter sich) Innovationen im Netz gestalten.

Patrick S. Ryan, Mit-Verfasser einer fast schon investigativen Arbeit [4] über
die ITU, die man UNBEDINGT lesen sollte, meinte in einem Komenntar zu der
Take-Over Thematik:

Many of the proposals [der ITU]include certain themes, like
(i) ITU regulated pricing for transit and peering,

(ii) making ITU standards mandatory (they are currently voluntary even in telecom), which would swallow the work of orgs like IETF that built the Internet, and

(iii) authorizing content censorship through „information security“ proposals, often from totalitarian governments. And it“s all happening in a smoke-filled room with no participation from anyone other than governments. A colleague and I just wrote a paper on this last point (http://ssrn.com/?abstract=2077095).

We should be very concerned.

Und Recht hat er. Die Verwaltung des Internets muss sicher reguliert werden,
aber nicht im Sinne staatlicher Verwaltung. Um diesen Text jetzt mal abzuschliessen, hier noch ein Kommentar von Prof. Wolfgang Kleinwächter auf einer Internet Governance Mailingliste:

The idea of an „internationalization“ of the authorization function was discussed, as I said above, by the WGIG and in this discussion in became clear that a transfer of this technical function to an intergovernmental body would unavoidably provoke an unwanted politization of this function with a tremondous potential for collatoral damages. Such a body would evolve into something like a UN Internet Security Council. This body would become soon a theater of political, economic, ideological, religious conflicts where different governments will fight until the bitter end to block the authorization of specific TLD zone files, even of ccTLDs when a ccTLD (of a hated enemy) has to modify their entry into the root for a new name server or something like that, Imagine if each of the new gTLDs, which will come to the root, would have to go – after adoption by ICANN – through a discussion of such an intergovernmental body? How you would organize voting in such a body? Which countries would get a veto right? How to select members? Will it have permanent members or will membership rotate?
You open a box of pandora which would backfire to the three billion internet
users of the world who would be the big loosers, including the developing
countries which would be blocked to get benefits from a future internet development.

I understand that governmental policy needs symbols and the root and the role of the USG is a good case to make noise because it is full of symbolism. But it should be one of the responsibilities of the members of this list to help governments to understand the issue better.

In one of the first meetings WGIG had with Kofi Annan he said: You can not wish away history. The system , as it stands now, is the result of such a historic process and it does not harm and it is not broken. If you start to change the system the risk is high that you do harm.

 

Sicher ist die ICANN nicht DIE Lösung auf Dauer und die Art und Weise wie dort gemanaged wird ist nicht das optimalste. Deswegen braucht es mehr Beteiliung aller Parteien – besonders der Nutzergemeinde sie sich stärker machen muss. Die Werkzeuge sind vorhanden!

Derzeit wird jedenfalls um die Kontrolle des Internets stark gerungen. Wenn
wir nicht aufpassen und uns informieren, intervenieren und publizieren, dann
sehen wir uns möglicherweise langfristig mit internationaler Kontrolle konfroniert, die wir dann nicht mehr durch Demonstrationen und Petitionen beeinflussen können.

 

[1] http://www.etno.be/Default.aspx?tabid=2506
[2] http://www.circleid.com/posts/20120713_regulation_as_innovation/
[3] http://www.itu.int/en/osg/speeches/Pages/2012-05-01.aspx
[4] http://www.internetgovernance.org/wordpress/wp-content/uploads/WCIT-12-Memo-1-23-12.pdf

/p

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